WOYTEK

Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam - oder: Der Hahn ist tot

Marion Vogt:
Emotion und Metapher – Die facettenreiche Papstfigur des Bildhauers Woytek

Fragil mutet die Papstgestalt an, in der Weite des Gewandes sich beinahe verlierend – erfasst in einem Augenblick, der Veränderungspotential in sich birgt. In der Hand fest umschlossen den Hahn, das Symbol des Verrats. Über all dem eine leise Ahnung von tiefgreifender Verunsicherung, aber auch von spiritueller Energie.

Der Bildhauer Woytek drückt sich gerne metaphorisch aus, in seinen Figurationen begegnet uns eine individuelle Mythologie – eine spezifische Verschränkung christlicher Themen, mythologischer Motive und metaphorischer Bezugnahmen.
So weiß er auch im aktuellen Werk seinem Thema eine eigenwillige Wendung zu geben, wenn er den im Markus-Evangelium beschriebenen Verrat des Petrus weiter denkt, neu denkt. Dabei die Zeitebenen verschiebt und so eine spannungsreiche Variante ins Spiel bringt: der die Verleugnung Christi anzeigende Hahn ist tot, der künftige Papst wird seiner Verantwortung in all ihrer Dimension gewahr.

In dynamischer Biegsamkeit wendet sich der überlängte Körper dieser filigranen Figur himmelwärts. Zwiespalt und das Bewusstsein der eigenen menschlichen Schwäche spiegeln sich im ausdrucksvollen Antlitz. Die geöffnete Hand nach Orientierung suchend weit in den Raum ausgreifend. Charakteristisch dabei ist die subtile Modellierung der Oberflächen mit ihren bewusst gesetzten Fehlstellen, die – wie Spuren gelebten Lebens – die Außenhaut dieser Gestalt durchlässig machen. Woytek erhebt damit nicht das Makellose, vielmehr das Unvollkommene zum gestalterischen Prinzip. Der Aspekt von Verletzlichkeit, mithin von Vergänglichkeit, klingt unterschwellig mit.

Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot. Es lebe der Hahn © Woytek

Emotion und Metapher: Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot © Woytek

Einer klassischen Gewandfigur ähnlich, ist die Gestalt eingeschrieben in eine zusammenfassende Außenkontur, deren seismographisch ausschwingender Verlauf sich im Umschreiten der Plastik entfaltet. Bei aller nach außen gerichteten Dynamik ist diese geschlossene Figur mit ihrem einwärts gewandten Blick jedoch vor allem durch eine innere Bewegtheit charakterisiert. Jene im Verborgenen waltenden Kräfte bilden sich im Hell-Dunkel-Spiel des Gewandes ab, dessen Faltenwerk ein Eigenleben führt – in dessen Volumen der Körper zu verschwinden droht, und das zugleich die Figur stützend aufrecht zu halten scheint.
Die innere Dramatik nähert sich dem Wendepunkt: seelischer Aufruhr wird sichtbar, der mit noch größerer Vehemenz in Duktus und Polychromie der das Thema variierenden Zeichnungen zur Anschauung kommt.

Dass sich diese Gestalt in einer Umbruchsituation befindet, wird schließlich im tänzelnd instabilen Schrittmotiv mit erdverbundenem Stand- und beweglich sich lösendem Spielbein offenbar: schon der nächste Moment mag das Kippen des Balanceaktes mit sich bringen, den Verlust des äußeren und inneren Gleichgewichts. Spätestens jetzt wird klar: wir sehen eine verunsicherte, vielleicht gar gefährdete Existenz vor uns – eingebunden in einen Spannungsbogen von irdischer Verhaftung und spiritueller Loslösung, hineingestellt in den Prozess kontinuierlichen Werdens und Wandelns.

Doch ist dieser Papst ausschließlich im eng gefassten theologischen Kontext zu sehen? Verweist dieses Bildwerk im Hinterfragen traditioneller Wertmaßstäbe und religiöser Dogmen nicht vielmehr auf Überzeitliches, Universelles – mithin auf die unvermeidlichen Grenzsituationen menschlichen Seins? Steht hier nicht vor allem der Einzelne in seiner inneren Zerrissenheit und mit all seinen subjektiven Widersprüchen im Fokus?

Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot © Woytek

Emotion und Metapher. Woytek: Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot, Originalfigur aus Wachs (work in progress) © Woytek

Eines ist gewiss: Woyteks Skulptur – ob für sich allein betrachtet oder eingebettet in den Klangraum einer multisensorischen Inszenierung mit Musik, Sprache und Bild – bietet in ihrer Vielschichtigkeit ein reiches Spektrum an gedanklichen Impulsen. Optische und taktile Eindrücke verquickend, affiziert diese Figur uns Betrachter auf direktem Wege. Sie fordert nicht nur intellektuelle Aufmerksamkeit ein, sondern setzt sich unvermittelt ins Verhältnis zu unserem subjektiven Körpergedächtnis, zu unserer Einfühlung.

Ambivalente Situationen, angesiedelt zwischen zweifelndem Zögern und entschlossenem Handeln, changierend zwischen Gefühl und Vernunft, sind als existentielle Lebensthemen gegenwärtig in Woyteks Kunst. Mit ihrer spirituellen Prägung verkörpern seine Figuren auch für eine säkular geprägte Zeit zugleich so viel mehr: sie sind Form gewordene Emotion, die sich – auch jenseits jeglichen Narrativs – auf uns überträgt, uns involviert. Es sind verkörperte Metaphern, deren Intensität zu berühren vermag.

© 2015 Dr. Marion Vogt

Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot. Es lebe der Hahn © Woytek (Foto: W. Starker)

Emotion und Metapher. Woytek: Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot. Es lebe der Hahn (Foto: Wolfgang Starker) © Woytek

WOYTEK - EMOTION AND METAPHOR (ENGLISH VERSION) ...

Publikation:

Woytek – Habemus Papam. Il gallo è morto
Edition Convivium, Rom 2016
ISBN 978-99959-975-1-9
Texte von Maria Luisa Caldognetto, Timo Jouko Herrmann, Marion Vogt

Woytek. Habemus Papam. Il gallo è morto - Edition Convivium 2016

Woytek. Habemus Papam. Il gallo è morto – Edition Convivium 2016

Woytek - Habemus Papam - Il gallo è morto: Einladung (pdf)

Installation und Performance:

1. bis 16. Oktober 2016
Sala Appia, Via Appia Antica, 42, Rom

VITA WOYTEK

1983 – 1985 Bildhauerschule Freiburg
1985 – 1988 in verschiedenen Bildhauerwerkstätten tätig
seit 1989 arbeitet Woytek als freischaffender Künstler im eigenen Atelier

In meist großformatigen Zeichnungen erfasst Woytek seine Figurationen mit prägnantem Strich und modelliert diese später als Wachs-Unikate. Am Ende des Schaffensprozesses steht schließlich das Gießen der Arbeiten in Bronze und das eigenhändige Ziselieren.

Poesie der Metamorphose: Sommer © Woytek

Poesie der Metamorphose: Sommer © Woytek

„Letztlich ist es die Vorstellung vom endgültigen Sein einer Skulptur, die während der gesamten Arbeit als vollendet mitschwingt. Das ist es, was mich beflügelt.“ (Zitat Woytek)

Gruppen- und Einzelausstellungen:
Pitt Island (Neuseeland), Christchurch (Neuseeland), Insel Mainau, Bad Herrenalb, Heidelberg, Wiesloch, Walldorf, München, Köln, Rom

Arbeiten im öffentlichen Raum:
Pitt Island (Neuseeland), Wellington (Neuseeland), Mannheim, Leimen, Nussloch, Wiesloch, Heidelberg, Walldorf

WOYTEK - RESONANZ IN DEN MEDIEN ...

Habemus Papam. Il gallo è morto. Der Hahn ist tot / Ambivalenz © Woytek (Installation)

Habemus Papam © Woytek

Habemus Papam. Il gallo è morto / Der Hahn ist tot © Woytek (Zeichnung)

Ambivalenz / Der Hahn ist tot © Woytek

www.woytek.de

KUNST IST KOMMUNIKATION ...